„Warum kann ich nichts wegwerfen?“ fragte die Frau im Coaching.

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Bild: istock.com Jakovo

Warum Sie manche Dinge nicht wegwerfen können.
Und was das mit Ihrem Lebensthema zu tun hat.

Sie stehen vor dem vollen Kleiderschrank. Zwei Stunden wollten Sie fürs Ausmisten einplanen. Nach 45 Minuten haben Sie zwei Socken und ein T-Shirt mit Farbfleck aussortiert. Und fühlen sich erschöpft.

Wenn Sie das kennen, sind Sie in guter Gesellschaft. Die meisten Menschen glauben, das Ausmisten und Wegwerfen sei eine logistische Aufgabe: Was brauche ich noch? Was nicht? Fertig.

Aber so einfach ist es nicht. Und zwar nicht, weil Sie zu bequem sind oder zu wenig Disziplin haben. Sondern weil Sie mit Ihren Besitztümern viel tiefer verstrickt sind, als Sie ahnen. Lassen Sie mich erklären, was da psychologisch passiert.

Dinge sind nicht einfach Dinge. Sie sind Spiegel.

Schauen Sie sich einmal in Ihrer Wohnung um. Jedes Objekt, das Sie besitzen, ist nicht einfach nur funktional da.
Ihr Bücherregal ist kein Aufbewahrungsmöbel – es ist ein Spiegel Ihrer intellektuellen Biografie.
Ihr altes Auto ist kein bloßes Fortbewegungsmittel – es ist ein Gefäß voller Erinnerungen an Reisen, Abenteuer, Freiheitsgefühle.

Gegenstände stiften Identität. Sie repräsentieren uns – nach außen wie nach innen.
Kleidung ist nie nur funktional, sie zeigt, wer wir sind oder wer wir gerne wären.
Und Erinnerungsstücke? Die stabilisieren etwas, das wir innerlich dringend brauchen: Sicherheit, Orientierung, Zugehörigkeit.

Gerade in Zeiten des Wandels oder innerer Unsicherheit bieten uns vertraute Gegenstände eine greifbare Verbindung zu unserer Geschichte. In ihnen verdichten sich Erfahrungen, Beziehungen und ganze Lebensphasen.
Sie fungieren wie psychische Anker, die unser Selbstgefühl stützen, wenn sich unser Leben verändert.

Das klingt erst mal harmlos. Ist es aber nicht immer.

Die Kehrseite: Wenn Besitz Sie besetzt.

In meinen Coachings erlebe ich oft etwas, das auf den ersten Blick nichts mit Gegenständen zu tun hat: Menschen, die nicht loslassen können. Nicht den Job, nicht die Beziehung, nicht das Selbstbild, das längst nicht mehr passt.

Eine Klientin,Sabine, 52, Abteilungsleiterin in einem Pharmaunternehmen, kam wegen einer ganz anderen Frage zu mir:
Ich weiß nicht, warum ich mich in meiner eigenen Wohnung so beengt fühle.“
Im Laufe unseres 3-h-Coachings stellte sich heraus: Die Wohnung war bis unter die Decke gefüllt mit Dingen ihrer verstorbenen Mutter. Möbel, Geschirr, Tischdecken. Nichts davon war Sabines Stil. Aber weggeben? Unmöglich.
„Das wäre, als würde ich sie ein zweites Mal verlieren“, sagte sie.

Was sich zeigte: Es ging nicht um Tischdecken. Es ging um eine Tochter, die nie gelernt hatte, dass Liebe auch ohne Beweisstücke existiert.

Denn was uns stärkt, kann uns zugleich festhalten. Dinge bewahren das Vergangene, manchmal auf Kosten des Neuen – sei es im Leben, in Beziehungen oder in unserer Selbstwahrnehmung. Wer sich nicht von Überlebtem trennt, blockiert womöglich genau die Veränderung, die eigentlich dran wäre.

Der Endowment-Effekt: Warum wir überbewerten, was uns gehört

Die Verhaltensökonomie kennt ein Phänomen, das hier eine zentrale Rolle spielt: den Endowment-Effekt (Besitztumseffekt). Er besagt: Sobald wir etwas besitzen – und sei es nur für kurze Zeit –, erscheint es uns wertvoller, als es objektiv ist.

Ein klassisches Beispiel aus dem Marketing: B
eim Autoverkauf bekommen Interessenten den Schlüssel in die Hand gedrückt und werden zur Probefahrt eingeladen. Durch diese kurze Phase des Besitzes greift der Endowment-Effekt – und die Wahrscheinlichkeit, dass der Wagen gekauft wird, steigt erheblich.

Dasselbe passiert beim Wegwerfen, nur umgekehrt. Die alte Jacke, die Sie seit drei Jahren nicht getragen haben? Fühlt sich plötzlich unersetzlich an, sobald sie im Müllsack liegt.

Das ist kein Charakterfehler. Das ist Neurologie.

Was in Ihrem Gehirn passiert – und warum Wegwerfen wehtut

Kaufen und Wegwerfen aktivieren völlig unterschiedliche Bereiche im Gehirn. Schon das bloße Betrachten von Konsumgütern stimuliert das Belohnungssystem: Dopamin wird ausgeschüttet, Vorfreude entsteht. Der Erwerb von Dingen wirkt wie ein kleiner emotionaler Lottogewinn.

Beim Wegwerfen hingegen werden ganz andere Hirnareale aktiv: jene, die für Schmerzverarbeitung und Risikobewertung zuständig sind. Das Gehirn behandelt das Weggeben eines Gegenstands buchstäblich wie einen Verlust, wie ein potenzielles Risiko.

Und genau das erklärt, warum es uns so schwerfällt, uns von Dingen zu trennen, selbst wenn sie längst keine Funktion mehr erfüllen. Hinter dem Festhalten steckt nicht nur Gewohnheit, sondern auch die Angst vor Veränderung und Unsicherheit. Etwas wegwerfen bedeutet eben, sich innerlich auf einen Neuanfang einzulassen. Und das ist ein Prozess, der Zeit und Mut braucht.

Ein Klient, Thomas, 46, selbständiger IT-Berater, brachte es auf den Punkt:
„Ich habe drei Kisten mit Unterlagen aus meiner Festanstellung im Keller. Seit sechs Jahren. Ich war dort unglücklich, ich wurde gemobbt, ich habe gekündigt. Aber die Kisten wegwerfen? Das kann ich nicht.“
Als wir gemeinsam hinschauten, wurde klar: Die Kisten waren nicht das Problem. Thomas konnte die Kränkung nicht loslassen. Die Ordner waren Beweisstücke, dafür, dass ihm Unrecht geschehen war. Sie wegzuwerfen fühlte sich an wie: Es war nicht schlimm. Und das stimmte eben nicht.

Das Übergangsobjekt: Warum wir Dingen eine Seele geben

Schon in der frühesten Kindheit entsteht die enge Verbindung zu Dingen. Der Kinderpsychologe Donald Winnicott hat das Übergangsobjekt beschrieben – das Stofftier, die Kuscheldecke. Es erleichtert dem Kind die Ablösung von der Mutter, indem es einen Zwischenraum schafft zwischen der inneren Welt und der äußeren Realität.

Das Übergangsobjekt gehört beiden Welten an. Es wird vom Kind mit Leben erfüllt, „beseelt“.

Und genau hier liegt der Ursprung dafür, dass wir auch als Erwachsene Dinge „verlebendigen“ und ihnen eine besondere Wertschätzung entgegenbringen. Wenn Sie Ihr altes Fahrrad nicht hergeben können, obwohl es rostet – dann ist das kein rationaler Vorgang. Dann spüren Sie etwas, das tief in Ihre Biografie reicht.

Die existenzielle Dimension: Ausmisten und der Tod

Es klingt vielleicht dramatisch. Aber der Umgang mit Besitz berührt existenzielle Themen. Denn Gegenstände sind eben nicht einfach totes, seelenloses Material. Wenn wir sie loslassen, nehmen wir auch Abschied. Und im Hintergrund schwingt dabei unbewusst der größte Abschied mit: der Tod.

Im Schwedischen gibt es ein Wort, das beides verbindet: döstädning – eine Kombination aus „sterben“ und „aufräumen“. Gemeint ist das Ausmisten und Wegwerfen im Hinblick auf das eigene Lebensende, damit man den Hinterbliebenen keine Last hinterlässt. Das ist eine weise, vorausschauende Haltung.

Aber die meisten Menschen kommen gar nicht so weit. Weil sie unbewusst spüren: Wenn ich mich von Dingen trenne, trenne ich mich von einem Stück meiner Geschichte. Und das fühlt sich an, als würde etwas sterben.

Das aktive Wegwerfen kann allerdings auch das Gegenteil bewirken: Ich lebe, ich entscheide, ich gestalte. Es kann so eine zutiefst lebendige Geste sein.

Schuldgefühle beim Ausmisten: Die verborgene Entwertung

Wenn wir Dinge wegwerfen, die einmal teuer oder bedeutungsvoll waren, entwerten wir sie gewissermaßen. Als wir sie angeschafft haben, repräsentierten sie Wünsche, Sehnsüchte, Erwartungen – vielleicht ein bestimmtes Selbstbild. Mit dem Loslassen verändert sich die Bewertung: Was einmal bedeutsam war, erscheint plötzlich belanglos.

Das kann massive Schuldgefühle auslösen. Rückblickend fühlt es sich an, als hätte man sich getäuscht. Als hätte man unnötig Geld ausgegeben. Oder, noch tiefer, als hätte man die Person verraten, die man einmal war.

In meiner Coaching-Praxis sehe ich das häufig.
Eine Klientin, Andrea, 39, Architektin, erzählte mir unter Tränen von einem Designerkleid, das sie zu ihrer Verlobung gekauft hatte. Die Verlobung wurde gelöst, das Kleid hing seit vier Jahren im Schrank.
„Wenn ich es weggebe, dann war alles umsonst“, sagte sie.
Wir haben dann gemeinsam hingeschaut, was „alles“ bedeutete. Es war nicht das Kleid. Es war die Trauer um eine Zukunft, die nicht stattgefunden hat. Erst als Andrea dem Verlust einen Platz geben konnte – innerlich, nicht im Kleiderschrank – konnte sie das Kleid gehen lassen. Und mit ihm eine Version von sich, die nicht mehr stimmte.

Die Schuldgefühle beim Ausmisten handeln selten von den Dingen. Sie handeln von der Angst, sich selbst untreu zu werden.

Was das mit Ihrem Lebensthema zu tun hat

In meiner Coaaching-Arbeit suche ich immer nach dem Lebensthema – dem unbewussten roten Faden, der sich durch alle Lebensbereiche zieht. Und die Art, wie jemand mit Besitz umgeht, ist dafür ein erstaunlich präziser Indikator.

Wer Mangel kennt- real oder emotional – trennt sich schwerer von Dingen. Wer nie genug Sicherheit erfahren hat, klammert. Wer sich über Leistung und Status definiert, häuft an. Und wer nie gelernt hat, dass Veränderung auch gelingen kann, hält fest, was er hat.

Ob Sie das Bedürfnis haben, Dinge zu behalten, hängt nicht davon ab, wie ordentlich Sie sind. Es hängt davon ab, ob Sie Mangel oder Fülle erlebt haben und wie viel Sicherheit Sie brauchen.

Thomas, der Klient mit den Kisten im Keller, hat am Ende unserer Sitzung etwas gesagt, das ich seitdem nicht vergessen habe:
„Die Kisten sind nicht mein Beweis. Die Kisten sind mein Gefängnis. Solange sie da stehen, bin ich noch dort.“
Zwei Wochen später rief er an. Die Kisten waren weg. Und er sagte: „Es ist seltsam. Die Wut ist auch weg.“

Aufräumen und Wegwerfen als Akt der Selbstwirksamkeit

Aber es gibt auch die andere Seite: Aufräumen kann entlasten. Es schafft Ordnung, Überblick und vermittelt das Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit – zwei Dinge, die vielen Menschen im Alltag fehlen.

Wer aufräumt, trifft Entscheidungen. Wer Entscheidungen trifft, erlebt sich als handlungsfähig. Und wer sich als handlungsfähig erlebt, gewinnt Selbstvertrauen. Nicht nur im Kleiderschrank, sondern im ganzen Leben.

Durch das Ausmisten und die damit verbundenen Fragen – Was mag ich? Was brauche ich wirklich? – werden neue Dinge bewusster angeschafft. Man wird wählerischer. Nicht nur bei Gegenständen. Auch bei Beziehungen. Bei Verpflichtungen. Bei dem, womit man seine Lebenszeit füllt.

Was Sie jetzt tun können

Wenn Sie das nächste Mal vor dem vollen Schrank stehen und merken, dass Sie nicht loslassen können, halten Sie kurz inne. Fragen Sie sich nicht: Brauche ich das noch?

Fragen Sie sich stattdessen:
„Welcher Teil in mir hat Angst, das loszulassen? Und wovor genau hat dieser Teil Angst?“

Denn die Antwort auf diese Frage führt Sie nicht zu einem aufgeräumten Schrank. Sondern zu sich selbst.

Und dort – das ist meine Erfahrung aus über vierzig Jahren Coaching – finden sich die Lösungen.
Dort, wo Sie noch nie gesucht haben.

Haben Sie Lust auf ein Experiment?

Wenn ja, nehmen Sie sich in den nächsten sieben Tagen einen einzigen Gegenstand vor.
Nicht den leichtesten – sondern den, bei dem Sie beim bloßen Gedanken ans Wegwerfen etwas im Bauch spüren.
Halten Sie ihn in der Hand. Und dann fragen Sie sich nicht, ob Sie ihn brauchen.
Sondern: Wer bin ich, wenn ich ihn nicht mehr habe?

Schreiben Sie die Antwort auf. Nur für sich. Und dann entscheiden Sie – nicht mit dem Kopf, sondern mit dem, was Sie spüren. Vielleicht behalten Sie ihn. Vielleicht lassen Sie ihn gehen. Beides ist in Ordnung.
Entscheidend ist, dass Sie bewusst entschieden haben. Denn genau das ist der Unterschied zwischen einem Leben, das Sie führen – und einem, das Sie mit sich herumtragen.

PS: Wenn Sie merken, dass das Thema Loslassen nicht nur Ihren Kleiderschrank betrifft, sondern Ihr ganzes Leben durchzieht, dann ist das ein Hinweis auf ein tieferes Lebensthema. In meinem 3-h-Coaching können wir dem auf den Grund gehen. Keine Tipps, keine Rollenspiele – sondern der direkte Weg zum Kern.


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Hier lesen Sie mehr Fallberichte und Lebensthema-Analysen aus meiner Coaching-Praxis:

Lebensthema-Analysen:

Business-Coachings

 

Der Autor

Bloggt hier regelmäßig seit Juli 2005. Führt intensive 3-h-Online-Coachings durch.. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

4 Kommentare

  1. Danke für den klugen und weiterführenden Gedanken!
    Es wären dann unterschiedliche Lebensthemen, die da mitspielen.

  2. Spricht also erstmmal gegen die Vererbungsthese.
    Ich glaube, dass es mehr mit der individuellen Persönlichkeit zu tun hat, was man mit Behalten oder Weggeben verbindet.

  3. Ich tue mir schwer mit wegwerfen. Leichter ist es Dinge die noch brauchbar sind weiter zu geben. Dann ist das Loslassen leichter.
    Beim Lesen des Beitrags habe ich mich gefragt, was ist mit denen, die schnell und leicht Dinge weggeben. Sich überhaupt kaum Gedanken machen, es jemandem weiter zu schenken, der es brauchen kann und sich darüber freut. Ich hab dabei an meine Schwester gedacht. Wir wuchsen mit den gleichen Eltern auf und sie löst sich rasch ohne auf Rücklagen zugreifen zu können, mit denen sie sich Neuanschaffungen erforderlichenfalls leicht zulegen könnte.

  4. Anja Paul sagt

    Hallo Herr Kopp – Wichmann,

    vielleicht kann man auch das umgekehrte Thema betrachten: Nichts anhäufen wollen, karg und spärlich seine Wohnung einrichten.

    Hier vielleicht als Hintergrund: gar nicht richtig in der Welt sein dürfen, keinen Platz einnehmen dürfen, nicht für sich selber leben dürfen, ein unerwünschtes Kind sein. Was sich dann auch gut und edel hinter dem sogenannten Minimalismus tarnen könnte.

    Viele Grüße!

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