
Diesen Satz sagte eine Klientin zu mir, Frau M. Sie leitete seit elf Jahren einen Unternehmensbereich, unter einem Chef, der sie regelmäßig vor anderen kritisierte. Sie hatte in dieser Zeit drei andere Angebote abgelehnt. Freunde fragten sie immer wieder, warum sie nicht kündigt. Sie wusste die Antwort selbst nicht.
Im Coaching erzählte sie zunächst, was viele erzählen: sie sei loyal, der Arbeitsmarkt unsicher. Erst später, fast beiläufig, erwähnte sie die Kollegen, die sie nicht allein lassen wolle. Alles nachvollziehbare Gründe.
Keiner davon erklärte, warum sie bei der bloßen Vorstellung einer Kündigung eine Panik spürte, die zur Situation gar nicht passte.
Wir gingen zurück. Nicht in die Kindheit als Ritual, sondern weil ihr Körper reagierte, als stünde etwas viel Größeres auf dem Spiel als ein Arbeitsplatz. Sie erinnerte sich an ihren Vater, der die Familie verließ, als sie neun war. Ihre Mutter sagte danach oft zu ihr: „Man bleibt. Man läuft nicht einfach weg, wenn es schwer wird.“
Frau M. hatte diesen Satz nie hinterfragt. Sie hatte ihn gelebt. Jede Situation, die schwer wurde, wurde zu einem stillen Test ihrer Loyalität, ob im Job oder in Beziehungen. Gehen bedeutete für ihr inneres Kind, wie ihr Vater zu werden. Bleiben bedeutete, anders zu sein als er, komme was wolle.
Das war ihr eigentliches Lebensthema. Nicht die Führungsschwäche ihres Chefs. Eine über vierzig Jahre alte Entscheidung eines neunjährigen Mädchens, die nie überprüft worden war.
Als ihr das klar wurde, veränderte sich im Raum spürbar etwas. Sie sagte leise: „Ich bin nicht meine Mutter. Und mein Chef ist nicht mein Vater.“ Ein einfacher Satz, aber er löste etwas, was Jahre der Selbstoptimierung nicht erreicht hatten.
Drei Monate später hat sie gekündigt. Kein Akt von Trotz. Die alte Gleichung galt für sie einfach nicht mehr.
Solche Momente erlebe ich häufig. Menschen bleiben selten, weil ihnen die Kraft zum Gehen fehlt. Sie bleiben, weil ein altes, unbewusstes Versprechen sie hält, eines, das oft älter ist als die aktuelle Situation und mit ihr fast nichts zu tun hat.
Reine Willenskraft erreicht dieses Versprechen kaum. Es braucht den Moment, in dem man es zum ersten Mal bewusst sieht.
Vielleicht kennen Sie das Gefühl aus eigener Erfahrung: dass Sie an etwas festhalten, obwohl der Verstand längst weiß, dass es Ihnen schadet. Fragen Sie sich einmal, wessen Satz das eigentlich ist, wenn Sie innerlich sagen: „Man bleibt eben.“
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