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Warum Männer, die eigentlich keine Hilfe brauchen, mich trotzdem anrufen.
Er rief an einem Donnerstagvormittag an. Seine Stimme klang sachlich, fast ein wenig ungeduldig. Als hätte er diesen Anruf schon dreimal aufgeschoben und war nun froh, ihn hinter sich zu bringen.
„Ich will gleich sagen: Ich bin kein Typ für Coaching. Ich bin eigentlich der Meinung, dass man seine Probleme selbst lösen sollte. Aber meine Frau meint, ich soll mich mal mit jemandem unterhalten. Also – was kostet das bei Ihnen?“
Ich kannte diesen Einstieg. Ich höre ihn öfter, als man denken würde.
Der Mann – nennen wir ihn Stefan, 52, selbstständiger Architekt – buchte noch einen Termin in der nächsten Woche. Drei Stunden. Und er kam pünktlich.
Was hinter dem Widerstand steckt
Wer sagt „Ich brauche keine Hilfe“, meint damit fast nie das Gegenteil. Er meint etwas anderes. Etwas, das er selbst oft noch nicht in Worte fassen kann.
- Manchmal bedeutet es: Ich habe Angst, was ich herausfinden könnte.
- Manchmal: Ich bin es nicht gewohnt, mich jemandem anzuvertrauen.
- Manchmal: Ich glaube nicht, dass sich wirklich etwas ändern kann.
- Und manchmal bedeutet es schlicht: Ich weiß nicht einmal genau, was mich beschäftigt.
Der Widerstand ist kein Hindernis auf dem Weg zur Veränderung.
Er ist oft der erste Schritt.
Wer ihn überspringt – oder wegzureden versucht –, verpasst etwas Wesentliches.
Reaktanz – der Trotz, der schützt
Der amerikanische Psychologe Jack Brehm beschrieb in den 1960er Jahren ein Phänomen, das er Reaktanz nannte:
Wenn Menschen das Gefühl haben, ihre Freiheit werde eingeschränkt – durch Erwartungen, Ratschläge oder Druck –, reagieren sie mit innerem Widerstand.
Nicht aus Sturheit, sondern aus einem tiefen Bedürfnis nach Selbstbestimmung.
Wer sagt „Ich brauche das nicht“, behauptet damit auch: Ich entscheide selbst.
Im Coaching ist Reaktanz kein Störfaktor – sie zeigt, dass jemand noch lebendig ist. Dass er sich nicht einfach ergibt. Das ist eine gute Ausgangslage.
Stefan und sein Problem, das keines sein durfte
Stefan saß mir gegenüber, die Arme vor der Brust verschränkt. Nicht feindselig. Eher so, als wollte er sich selbst zusammenhalten.
Ich fragte: „Was hat Sie bewogen, trotz allem herzukommen?“
„Ich schlafe seit Monaten schlecht. Ich komme morgens ins Büro und denke: Wozu das alles? Ich habe ein erfolgreiches Büro, gute Mitarbeiter, einen vollen Auftragskalender. Und trotzdem. Ich sitze manchmal am Schreibtisch und starre an die Wand.“
Pause.
„Das ist doch nicht normal. Das kenne ich von mir nicht.“
Stefan hatte das Problem schon. Er hatte nur bisher keinen Namen dafür gehabt – und keinen Ort, wo er es ablegen durfte.
Die Scham des starken Mannes
Es gibt eine besondere Form von Widerstand, die ich vor allem bei Männern mittleren Alters erlebe. Männern, die gelernt haben, Probleme zu lösen. Die funktionieren, liefern, entscheiden. Die für andere da sind.
Für diese Männer ist das Eingestehen eines Leidensdrucks fast körperlich schmerzhaft.
Es widerspricht einem Selbstbild, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde.
Wer um Hilfe bittet, gibt zu, dass er allein nicht weiterkommt.
Und das fühlt sich an wie Versagen.
Stärke bedeutet für viele nicht, Hilfe annehmen zu können – sondern Hilfe nicht zu brauchen.
Doch das ist manchmal ein Irrweg, der sehr früh beginnt
Das ist kein Vorwurf. Das ist ein Muster. Ein Lebensthema.
Eines, das gelernt wurde. Und das sich verlernen lässt.
Die Spur zurück in die Kindheit
In meiner Arbeit folge ich der Spur nicht nach vorne – zu Strategien, Lösungen, Techniken.
Ich folge ihr nach hinten. Dorthin, wo das Muster entstanden ist.
Ich fragte Stefan: „Haben Sie Geschwister?“
„Ja. Zwei Brüder und eine Schwester. Ich bin der Älteste.“
Ich sagte nichts. Ließ den Satz stehen.
Stefan schaute mich an. Dann sagte er, etwas langsamer als zuvor:
„Ich war immer derjenige, der den Überblick hatte. Der auf die anderen geachtet hat.“
„Wollten Sie das?“, fragte ich.
Er überlegte. „Ich glaube, das wurde erwartet. Mein Vater war oft unterwegs, Fernfahrer. Meine Mutter hatte mit vier Kindern alle Hände voll. Also habe ich – funktioniert.“
Das Wort wählte er selbst. Ich hätte es nicht besser treffen können.

Was die Ältesten lernen
Erstgeborene mit mehreren jüngeren Geschwistern übernehmen früh Verantwortung. Das ist kein Schicksal, aber es ist eine sehr häufige Konstellation. Und sie hinterlässt Spuren.
Der Älteste lernt: Ich werde gebraucht, wenn ich funktioniere. Wenn ich stark bin. Wenn ich nicht störe. Wenn ich nicht selbst Bedürfnisse habe, die andere belasten könnten.
Er lernt auch: Spielen ist für die anderen. Ich bin schon zu alt dafür.
Stefan erzählte, fast beiläufig, dass er mit zehn Jahren seiner Schwester beim Lesen geholfen hatte.
Dass er mit zwölf seinen Brüdern beim Hausaufgaben geholfen hatte.
Dass er mit vierzehn bereits Nebenjobs angenommen hatte, um zur Haushaltskasse beizutragen.
„Das war selbstverständlich“, sagte er. „Ich habe das nie hinterfragt.“
Ich fragte: „Und was haben Sie dabei für sich behalten?“
Stille. Dann ein kurzes, fast verlegenes Lachen. „Nicht viel.“
Parentifizierung – wenn Kinder zu früh Erwachsene werden
Parentifizierung beschreibt einen Prozess, bei dem ein Kind – meist das älteste – unbewusst die Rolle eines Elternteils übernimmt. Es kümmert sich um die Geschwister, schützt die Mutter vor Überforderung, hält die Familie zusammen.
Das klingt nach Reife. Aber es kommt zu einem Preis: Das Kind lernt, die eigenen Bedürfnisse systematisch hintenanzustellen. Es entwickelt ein Selbstbild, das untrennbar mit Leistung und Fürsorge verbunden ist.
Im Erwachsenenalter setzt sich dieses Muster fort – oft ohne dass der Betreffende es bemerkt.
Er hilft, trägt, organisiert. Und fragt sich irgendwann, warum er so erschöpft ist, obwohl doch alles gut läuft.
Das Lebensthema: Funktionieren um jeden Preis
Was in der Kindheit eine sinnvolle Anpassung war, wird im Erwachsenenleben zur Falle.
Stefan hatte das Muster des Ältesten nie abgelegt.
Er hatte es nur in andere Kontexte verschoben: erst in die Ausbildung, dann ins Studium, dann ins eigene Büro. Überall war er derjenige, der die Verantwortung trug.
Der nicht klagte. Der weitermachte, auch wenn er längst am Limit war.
Sein Lebensthema lautete, in drei Worten: Funktionieren um jeden Preis.
Dieses Thema ist nicht laut. Es schreit nicht.
Es erschöpft. Es erschöpft, weil es keinen Raum lässt für das, was ein Mensch neben dem Funktionieren noch braucht: Leichtigkeit. Spontaneität. Die Freiheit, etwas zu tun, das keinem nützt – außer einem selbst.
Wer gelernt hat, immer für andere da zu sein, vergisst irgendwann, wie es sich anfühlt, einfach da zu sein.
Stefan hatte das vergessen. Seit Jahrzehnten.
Der Moment, der zählt
Ich bat Stefan, die Augen zu schließen. Und sich zu erinnern: Wann hatte er zuletzt etwas getan, das keinen Zweck hatte?
Das einfach Freude gemacht hatte – ohne Ergebnis, ohne Leistung, ohne dass jemand davon profitierte?
Er schwieg lange. Dann, zögerlich: „Als Kind habe ich gezeichnet. Stundenlang. Irgendwelche Häuser, Städte, die ich mir ausgedacht habe.“
„Wann haben Sie damit aufgehört?“
Er überlegte. „Mit zwölf, dreizehn. Da war keine Zeit mehr dafür.“
Ich sagte: „Und jetzt entwerfen Sie Häuser. Als Beruf.“
Stefan sah mich an. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Nicht dramatisch.
Aber ich sah, wie ein Gedanke ankam, den er sich selbst noch nicht gedacht hatte.
„Ja“, sagte er leise. „Aber das macht mir schon lange keine Freude mehr.“
Das war der Moment, in dem die eigentliche Arbeit begann.
Nicht die Arbeit an Symptomen.
Die Arbeit an der Wurzel.
Was Stefan am Ende sagte
Am Ende unseres 3-h-Coaching bat ich Stefan, einen einzigen Satz zu formulieren.
Den Satz, den er sich selbst schon lange hätte sagen wollen.
Er dachte lange nach. Länger als ich erwartet hatte.
Dann, sehr leise:
„Ich darf auch mal spielen.“
Er war sichtlich überrascht von dem Satz. Sagte, er habe ihn nicht geplant. Er sei einfach gekommen.
Ich fragte: „Wie alt ist der Stefan, der das sagt?“
Er lachte – zum ersten Mal in dieser Sitzung, wirklich, ohne Ironie. „Zwölf.“
Der Zwölfjährige, der aufgehört hatte zu zeichnen.
Der die Geschwister beaufsichtigt hatte.
Der gelernt hatte, dass seine Bedürfnisse warten konnten.
Immer.
Dieser Zwölfjährige war in den letzten vierzig Jahren nicht verschwunden. Er hatte nur nicht mehr das Wort gehabt.
Psychologisches Konzept 3
Das Innere Kind – der Teil, der nie gehört wurde
Der Begriff des Inneren Kindes, geprägt unter anderem durch John Bradshaw und später in der Schematherapie weiterentwickelt, beschreibt jene frühen emotionalen Erfahrungen, die ein Mensch in sich trägt – oft ohne es zu wissen.
Es sind die Bedürfnisse, die damals nicht erfüllt wurden: nach Unbeschwertheit, nach Gesehen-werden, nach dem Recht, einfach ein Kind sein zu dürfen.
Diese unerfüllten Bedürfnisse verschwinden nicht. Sie wirken weiter – als Antreiber, als Leere, als diffuses Gefühl, dass etwas fehlt, auch wenn äußerlich alles stimmt.
Wenn Stefan sagt „Ich darf auch mal spielen“, spricht nicht der 52-jährige Architekt. Es spricht der Zwölfjährige, der diesen Satz damals nicht sagen durfte. Das ist keine Metapher. Das ist ein psychologischer Vorgang – und ein erster Schritt zur Heilung.
Was dieser Satz bedeutet
„Ich darf auch mal spielen“ ist kein netter Abschlusssatz. Er ist eine Erschütterung des Lebensthemas.
Die fehlende Erfahrung in Stefans Leben.
Wer jahrzehntelang gelernt hat, dass er nur dann wertvoll ist, wenn er funktioniert – für den ist dieser Satz fast revolutionär.
Er sagt: Ich bin nicht nur Mittel zum Zweck. Ich bin auch Zweck.
Spielen heißt nicht, die Verantwortung abzugeben.
Es heißt, sich selbst wieder als Teil des Lebens zu begreifen – nicht nur als Verwalter des Lebens anderer.
Stefan kam wegen schlechtem Schlaf und einem Gefühl der Sinnlosigkeit.
Er kam, weil seine Frau ihn schickte und er dachte, er brauche keine Hilfe.
Er fand etwas anderes: den Jungen, der er einmal war. Und eine Ahnung davon, wer er noch sein könnte.
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Wann und wie oft können Sie zweckfrei spielen?
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