Prokrastination ist kein Zeitproblem – sondern ein Schutzschild.
Sie sagte es fast beiläufig, irgendwo zwischen dem zweiten Glas Wasser und dem ersten wichtigen Satz in unserem 3-h-Coaching. Gesprächs. Als wäre es eine Kleinigkeit. Eine Randnotiz.
„Ich wollte eigentlich immer töpfern. Richtig lernen, meine ich. Einen Kurs machen, ein Atelier finden, ernsthaft damit anfangen. Ich habe sogar schon nachgeschaut, wo man das in der Nähe kann. Aber dann kommt immer etwas dazwischen. Die Kinder früher, jetzt der Job. Und irgendwie muss es ja auch erst mal Sinn ergeben.“
Sie lachte kurz. Das verlegene Lachen von jemandem, die sich selbst beim Ausweichen ertappt.
Andrea.,51 Jahre, Leiterin einer Personalabteilung, verheiratet, zwei Kinder inzwischen aus dem Haus. Sie kam nicht wegen des Töpferns. Sie kam, weil sie seit Monaten morgens aufwachte und das Gefühl hatte, ihr Leben ziehe an ihr vorbei. Kein Burnout, kein konkreter Anlass. Nur dieses leise, anhaltende Unbehagen, dass da noch etwas wäre. Etwas, das auf sie wartet.
Das Töpfern erwähnte sie wie nebenbei. Ich ließ es stehen.
Später im Gespräch fragte ich: „Seit wann wollen Sie das lernen?“
Sie überlegte. „Seit ich 30 bin. Vielleicht länger.“
Zwanzig Jahre. Der richtige Moment hatte sich in zwanzig Jahren nicht ergeben.
Warum der richtige Moment nie kommt
Aufschieberitis oder Prokrastination gilt als persönliche Schwäche. Als Disziplinmangel, als Zeitproblem, als etwas, das man mit der richtigen App oder der richtigen Methode in den Griff bekommt. Die Ratgeber-Industrie verdient gut daran. Pomodoro-Technik, Zwei-Minuten-Regel, die eiserne Disziplin des frühen Aufstehens.
Bei Andrea hatte nichts davon geholfen. Sie hatte es versucht.
Wer das, was ihm wirklich wichtig ist, immer wieder aufschiebt, folgt keiner Schwäche. Er folgt einer inneren Logik. Und diese Logik hat eine Geschichte.
Der amerikanische Psychologe Timothy Pychyl hat jahrelang untersucht, warum Menschen aufschieben, was ihnen am Herzen liegt. Sein Befund ist klar: Prokrastination ist kein Zeitproblem. Sie ist ein Emotionsregulationsproblem. Wir schieben auf, um unangenehmen Gefühlen auszuweichen. Das Aufschieben ist nicht die Ursache des Problems. Er ist die Lösung für ein tiefer liegendes.
Die Frage lautet also nicht: Wie kriege ich mich endlich dazu? Sondern: Wovor schützt mich das Warten?
Die Frage, die die Ursache deutlich machte
Ich fragte Andrea: „Was würde passieren, wenn Sie morgen früh anfangen würden? Einen Kurs buchen, hingehen, die Hände in den Ton drücken?“
Sie schwieg länger als erwartet. Dann, langsam: „Ich glaube, ich hätte Angst, dass es nichts wird. Dass ich zu alt bin dafür. Dass die anderen alle besser sind.“
Ich nickte. Ließ Raum.
„Und wenn die anderen besser sind?“
Wieder eine Pause. Diesmal länger.
„Dann wird deutlich ich, dass ich es nie wirklich gekonnt hätte. Solange ich es nicht versuche, kann ich noch glauben, dass ich es könnte. Wenn ich es versuche und es wird nichts … dann ist da nichts mehr.“
Das war der Satz, auf den alles ankam. Nicht der mit dem fehlenden Zeitpunkt. Dieser hier.
Das Aufschieben war kein Versagen. Er war eine Schutzstrategie. Und eine sehr wirksame obendrein. Wer nicht beginnt, kann nicht scheitern. Wer den Wunsch in der Zukunft hält, muss nicht mit dem Ergebnis konfrontiert werden. Die Möglichkeit bleibt lebendig. Der Traum bleibt unberührt.

Was früh gelernt wurde
Andrea erzählte, zunächst zögernd, von ihrer Mutter. Einer Frau, die selbst viel gekonnt, aber wenig davon gelebt hatte. Die nähte, malte, sang im Chor — alles nebenbei, alles zwischen den Pflichten. Die öfter sagte: „Das mache ich, wenn die Kinder größer sind.“ Und es dann nicht machte.
Und die zu Andrea, wenn Andrea etwas ausprobieren wollte, oft sagte: „Warte lieber, bis du es richtig kannst. Halbherziges bringt nichts.“
Kein böser Satz. Ein gut gemeinter sogar. Aber Andrea hatte daraus eine Schlussfolgerung gezogen, die sie selbst nicht kannte: Zeige nichts, das noch nicht fertig und sicher gut ist. Denn was nicht überzeugt, zählt nicht.
Hinzu kam noch etwas, das bei Frauen ihrer Generation besonders häufig ist: die Botschaft, dass die eigenen Wünsche warten können. Erst die Familie, erst der Job, erst die anderen. Was für mich selbst ist, hat Zeit. Das war kein explizit ausgesprochenes Gebot, aber es lag in der Luft, in den Vorbildern, in den kleinen Entscheidungen, die sie über Jahrzehnte beobachtet hatte.
Das Lebensthema, das sich daraus formierte, ließ sich in wenigen Worten sagen: Ich genüge nie. Und darunter, noch leiser: Meine Wünsche dürfen warten.
Das Aufschieben war sein treuester Ausdruck. Wer nicht zeigt, hört keine Kritik. Wer nicht beginnt, wird nicht gemessen. Und wer die eigenen Wünsche immer nach hinten stellt, muss sich nie fragen, ob sie auch wirklich erfüllt werden.
Das Lebensthema Aufschieben und seine Geschwister
Das Lebensthema Prokrastination tritt selten allein auf. Es hat Geschwister.
Da ist der Perfektionismus, der dafür sorgt, dass der Anfang nie gut genug ist, um ein Anfang zu sein. Da ist der Selbstzweifel, der schon vor dem ersten Versuch einflüstert: Wer bist du, das jetzt noch anzufangen? Und da ist die Angst vor dem Urteil. Nicht immer das Urteil anderer. Häufig das eigene.
Die Transaktionsanalyse kennt den inneren Antreiber „Sei perfekt“: eine verinnerlichte Botschaft aus der Kindheit, die später als innere Stimme mitläuft. Menschen mit diesem Antreiber können oft erst beginnen, wenn sie sicher sind, dass das Ergebnis gut wird. Da diese Sicherheit nie da ist, bevor man angefangen hat, beginnt man nie. Ein Kreislauf, der sich selbst schützt.
Bei Frauen kommt oft noch ein zweiter Antreiber hinzu, den die Transaktionsanalyse „Mach es allen recht“ nennt: die Neigung, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, solange andere noch etwas brauchen könnten. Dieser Antreiber macht die Prokrastination besonders hartnäckig. Denn er trägt immer einen triftigen Grund mit sich: Es gibt immer jemanden, dessen Bedürfnisse zuerst kommen.
Andrea kannte beide Kreisläufe. Sie hatte sie nur nie so genannt.

Der Moment, der etwas öffnete
Ich fragte Andrea, ob sie sich an einen Moment erinnere, in dem sie einfach etwas gemacht hatte. Ohne Ziel, ohne Publikum, ohne dass es gut werden musste.
Sie dachte lange nach. Dann, sehr leise: „Früher, mit meiner Tochter. Wir haben manchmal zusammen Figuren aus Knete gemacht. Einfach so. Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging.“
„Wie war das für Sie?“
Sie hielt inne. „Schön. Richtig schön. Aber das war ja für sie.“
Ich fragte: „War es wirklich nur für Ihre Tocher?“
Stille. Dann ein langsames Schütteln des Kopfes.
„Nein. Es war auch für mich. Vielleicht sogar mehr für mich. Ich habe das nur nie so gedacht.“
Da war es.
Der Moment mit der Knete und der Tochter war kein Zufall. Er war ein seltener Augenblick, in dem Andrea erlaubt hatte, dass etwas für sie selbst zählt. Weil es nach außen hin für jemand anderen war, fühlte es sich erlaubt an.
Das Töpfern hatte diesen Deckmantel nicht. Es wäre einfach für sie. Und genau das machte es so schwer.
Was das Aufschieben schützt — und was es kostet
Es wäre einfach, das Aufschieben zu verurteilen. Das Warten als Selbstbetrug zu bezeichnen, als verschwendetes Leben.
Das wäre zu kurz gedacht.
Das Aufschieben ist eine Antwort auf eine reale Gefährdung. Er hält etwas Kostbares am Leben: die Möglichkeit. Solange Andrea nicht töpfert, ist sie noch jemand, die töpfern könnte. Das ist nicht nichts. Das ist, in einer verdrehten Logik, eine Form von Selbstschutz.
Aber der Preis ist hoch.
Das Aufschieben kostet die Erfahrung. Er kostet den Weg. Er kostet die Stunden, in denen man eintaucht und nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Er kostet die Freude, die nur im Tun entsteht, niemals im Warten darauf.
Und irgendwann beginnt er noch etwas anderes zu kosten: das Vertrauen in sich selbst. Jedes Jahr ohne Anfang ist ein kleiner stiller Beweis, dass man es wohl doch nicht ernst meint. Dass man wohl doch nicht die Frau ist, die man sein wollte.
Andrea war 51. Sie hatte diesen Beweis zwanzig Mal gesammelt.
Was hat das mit Ihnen zu tun?
Vielleicht nichts. Vielleicht möchten Sie nicht töpfern und wollten nie schreiben. Vielleicht ist Ihr Aufschieben wirklich nur eine Frage der Organisation.
Aber wenn Sie beim Lesen an etwas gedacht haben, das Sie schon lange vor sich herschieben — nicht die Steuerklärung, sondern etwas, das Ihnen wirklich am Herzen liegt — dann lohnt es sich, einen Moment innezuhalten.
Fragen Sie sich: Was genau schieben Sie auf?
Nicht die Aufgabe. Die dahinterliegende Hoffnung.
Was ist das wirklich, wenn Sie ehrlich hinschauen?
Und dann: Was befürchten Sie, wenn Sie anfangen?
Nicht was schiefgehen könnte am Ergebnis.
Sondern was Sie über sich selbst wissen würden, wenn es nicht gut wird.
Und schließlich: Erlauben Sie sich diesen Wunsch eigentlich?
Nicht als Belohnung, nicht wenn alles andere erledigt ist. Einfach so. Weil der Wunsch Ihnen gehört.
Andrea meldete sich drei Monate später. Nicht für eine Sitzung. Sie wollte mir nur sagen, dass sie den Töpfer-Kurs gebucht hatte. Einen Samstagvormittag, fünf Wochen lang, eine Gruppe von acht Leuten, alles Anfänger.
„Die erste Schale ist schief geworden“, schrieb sie. „Ich habe sie trotzdem behalten.“
Das war genug. Mehr als genug.
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