
„Ich weiß nicht, warum ich nicht längst gekündigt habe.“
Der Klient sagt das, kaum dass das 3-h-Coaching begonnen hat. Ich habe den Eindruck, dass er diesen Satz schon eine Weile mit sich herumträgt.
Martin ist Anfang fünfzig und arbeitet seit dreißig Jahren im selben Konzern. Verschiedene Abteilungen, ähnliche Aufgaben, sichere Position. Er kennt seinen Job so gut, dass er vieles inzwischen beinahe automatisch erledigt. Genau das macht ihm zu schaffen.
„Ich langweile mich“, sagt er. „Schon seit Jahren. Manchmal sitze ich da und schaue auf die Uhr und denke: Das kann doch jetzt nicht noch fünfzehn Jahre so weitergehen.“
„Und warum gehen Sie dann jeden Morgen wieder hin?“
Er lächelt.
„Genau deshalb bin ich hier.“
Unzufrieden im Job – und trotzdem bleiben
Ich frage ihn, was passieren könnte, wenn er tatsächlich kündigen und sich etwas Neues suchen würde. Die Antwort kommt sofort.
„Vielleicht finde ich nichts. Mit Anfang fünfzig wartet der Arbeitsmarkt schließlich nicht auf mich.“
Das ist kein vorgeschobener Grund. Martin hat eine Familie, finanzielle Verpflichtungen, und ein beruflicher Wechsel in diesem Alter birgt Risiken. Ich halte wenig davon, solche Sorgen gleich zu psychologisieren. Manchmal ist eine Sorge schlicht berechtigt.
Doch dann sagt er noch etwas.
„Und was denken die Leute? Ich habe ja auch einen gewissen Status.“
„Was wäre schlimm daran, wenn dieser Status weg wäre?“
„Ach“, sagt er, „eigentlich ist mir ziemlich egal, was andere von mir denken.“
Ich schaue ihn an. Er schaut zurück. Dann muss er lachen.
„Okay. Das war jetzt Quatsch.“
Nach einer Weile wird er ernst. „Es ist mir überhaupt nicht egal.“ Und dann kommt ein Satz, mit dem unser Gespräch eine andere Richtung nimmt: „Wer bin ich denn ohne meinen Job?“
Manchmal ist das Problem nicht das eigentliche Problem
Martin war zu mir gekommen, weil er eine berufliche Entscheidung treffen wollte. Bleiben oder gehen? Vielleicht etwas ganz anderes machen?
Das klingt nach einer Frage, bei der man vernünftigerweise eine Liste anlegen könnte: Was spricht fürs Bleiben? Was fürs Gehen? Wie groß ist das finanzielle Risiko? Welche Alternativen gibt es?
Solche Fragen sind sinnvoll. Doch nach meiner Erfahrung lösen sie manche Probleme nicht, weil das eigentliche Problem auf einer anderen Ebene liegt.
Bei Martin ging es zunehmend weniger um seinen Arbeitsplatz. Es ging darum, was dieser Arbeitsplatz über ihn aussagte.
Viele Menschen verbinden ihre Identität stärker mit ihrem Beruf, als ihnen bewusst ist. Das merkt man schon daran, wie wir uns kennenlernen. Nach dem Namen kommt häufig sehr schnell die Frage: „Und was machen Sie?“
Gemeint ist fast immer: Was arbeiten Sie?
Arbeit kann Sinn geben, Zugehörigkeit, Anerkennung und materielle Sicherheit. Schwierig wird es, wenn zu viel davon an dieser einen Säule hängt. Dann bedeutet der Verlust eines Arbeitsplatzes plötzlich viel mehr als den Verlust eines Arbeitsplatzes.
Was bleibt von mir ohne meinen Beruf?
Ich frage Martin: „Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Beruf würde für einen Moment wegfallen. Was bliebe dann von Ihnen?“
Er weicht zunächst aus. „Das geht doch fast allen so.“
Das ist eine Reaktion, die ich in Coachings oft erlebe. Sobald eine Frage unangenehm persönlich wird, reden wir gern darüber, dass es doch „allen“ so gehe. Also hole ich ihn zurück.
„Mag sein. Aber jetzt sitzen die anderen nicht hier. Was bleibt von Ihnen?“
Er denkt nach.
„Meine Frau. Meine Kinder. Freunde natürlich. Ich fahre Rennrad. Ich singe im Chor.“
„Und was gibt Ihnen der Beruf, was diese Dinge Ihnen nicht geben?“
„Geld“, sagt er sofort. „Krankenversicherung. Rente. Sicherheit.“
Natürlich kann man einem Mann Anfang fünfzig mit Familie nicht einfach sagen: Dann machen Sie doch endlich, was Ihnen Spaß macht. Solche Ratschläge klingen gut auf Instagram und können im wirklichen Leben ziemlich teuer werden.
Also versuche ich etwas anderes.
„Angenommen, Ihr Einkommen wäre für die nächsten zwei Jahre gesichert. Sie hätten finanziell nichts zu befürchten. Würden Sie dann kündigen?“
Ich rechne mit einem schnellen Ja. Aber es kommt keines. Martin denkt lange nach.
„Ich weiß es nicht.“
Dann schaut er mich erstaunt an.
„Komisch. Ich dachte gerade, ich würde sofort Ja sagen.“
Jetzt wird es interessant. Offensichtlich ist Geld ein wichtiger Grund zu bleiben. Aber nicht der einzige.
Wessen Urteil fürchten Sie eigentlich?
Ich will noch einmal auf den Status zurückkommen.
„Wenn Sie daran denken, Ihren jetzigen Beruf aufzugeben – wessen Urteil wäre Ihnen besonders unangenehm?“
Martin braucht eine Weile. Dann sagt er:
„Das meines Vaters.“
Sein Vater ist seit Jahren tot.
Er hatte sein ganzes Berufsleben im selben Konzern gearbeitet, zuverlässig, pflichtbewusst, kaum einen Tag gefehlt. Auf seinen Sohn war er stolz, gerade weil Martin beruflich mehr erreicht hatte als er selbst.
Bei Familienfeiern erzählte der Vater gern von ihm. Von seinem Konzern, seiner Position, seiner Karriere.
Dann sagt Martin: „Ich glaube, wenn ich das jetzt einfach aufgebe, enttäusche ich ihn.“
„Obwohl er nicht mehr lebt?“
„Ja.“
Er schüttelt selbst ein wenig den Kopf.
„Verrückt, oder?“
„Überhaupt nicht.“
Wir übernehmen von unseren Eltern nicht nur bestimmte Gewohnheiten und Redewendungen. Wir übernehmen auch Vorstellungen darüber, wie man leben sollte, was einen wertvollen Menschen ausmacht und worauf man stolz sein darf.
Als Kinder prüfen wir solche Botschaften nicht. Wir ziehen unsere Schlüsse daraus. Bei Martin könnte einer dieser Schlüsse gelautet haben:
Ich bin etwas wert, wenn ich etwas vorweisen kann.
Das muss sein Vater nie ausgesprochen haben. Kinder brauchen keine ausformulierten Glaubenssätze. Sie beobachten sehr genau, wann die Augen ihrer Eltern leuchten.
Und Martins Vater hatte geleuchtet, wenn er über den beruflichen Erfolg seines Sohnes sprach.
Unsichtbare Loyalitäten
Der Familientherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy hat für solche Bindungen den Begriff der „unsichtbaren Loyalitäten“ geprägt.
Ich finde ihn sehr passend, denn solche Loyalitäten fühlen sich selten wie eine Verpflichtung an. Sie können sich wie Liebe anfühlen, wie Anstand oder wie die selbstverständliche Art, sein Leben zu führen.
Ich sage zu Martin: „Vielleicht halten Sie nicht nur an Ihrem Arbeitsplatz fest. Vielleicht halten Sie auch an einer Verbindung zu Ihrem Vater fest.“
Er sagt erst einmal nichts. Dann:
„Wenn ich da weggehe, fühlt es sich tatsächlich ein bisschen so an, als wäre das alles umsonst gewesen.“
Jetzt bekommt der Job eine andere Bedeutung. Er ist Arbeitsplatz, Einkommen und Sicherheit. Gleichzeitig ist er ein Beweis dafür, dass Martin es geschafft hat und sein Vater zu Recht stolz auf ihn war.
So einen Beweis gibt man nicht leicht aus der Hand. Selbst dann nicht, wenn man sich seit Jahren langweilt.
Dann erinnert er sich an einen Satz
Ich frage Martin: „Was glauben Sie, was Ihr Vater sagen würde, wenn er Sie heute sehen könnte? Wenn er wüsste, dass Sie jeden Morgen zu einer Arbeit fahren, die Ihnen schon lange nichts mehr bedeutet?“
„Durchhalten.“
Ich will gerade etwas sagen, da schüttelt er den Kopf. „Moment. Nein. Das stimmt gar nicht.“
Dann erzählt er mir von einem Gespräch kurz vor dem Tod seines Vaters. Er habe damals über seine Arbeit geklagt. Sein Vater habe zu ihm gesagt:
„Such dir etwas, wo du gern hingehst. Ich hab das nie gehabt.“
Martin wird still. „Das hatte ich völlig vergessen.“
Solche Momente sind für mich im Coaching wichtig. Ich versuche dann, nicht sofort mit einer neuen Frage darüber hinwegzugehen. Manche Erkenntnisse brauchen ein paar Minuten, bis sie wirklich angekommen sind.
Nach einer Weile frage ich ihn: „Wenn Sie aus dem, was Sie gerade verstanden haben, einen Satz für sich selbst machen müssten – wie würde der lauten?“
Er probiert verschiedene Formulierungen. Dann sagt er:
„Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Und ich darf mir etwas suchen, wo ich gern hingehe.“
Das passt. Vor allem deshalb, weil es sein Satz ist.
Warum gute Ratschläge oft wirkungslos bleiben
Ich hätte Martin schon zu Beginn unseres Gesprächs sagen können: „Sie müssen niemandem etwas beweisen.“
Das wäre vermutlich sogar richtig gewesen. Nur hätte es wenig verändert. Wir überschätzen oft die Wirkung vernünftiger Einsichten. Menschen wissen erstaunlich häufig, was vernünftig wäre. Sie tun trotzdem etwas anderes.
„Ich weiß doch selbst nicht, warum ich das mache.“
Diesen Satz höre ich seit Jahrzehnten. Und genau dort beginnt für mich die interessante Arbeit.
Wenn jemand etwas tut, obwohl er rational längst verstanden hat, dass es ihm schadet, fehlt ihm möglicherweise keine Einsicht. Dann gibt es einen anderen, oft unbewussten Grund, der im Augenblick stärker ist.
Ich nenne solche tiefer liegenden Muster Lebensthemen.
Sie entstehen früh und haben meist einmal eine sinnvolle Funktion erfüllt. Sie halfen uns beispielsweise, Anerkennung zu bekommen, Konflikte zu vermeiden, dazuzugehören oder uns sicher zu fühlen.
Später können dieselben Muster Entscheidungen verhindern, die eigentlich längst anstehen.
Martin kündigt nicht
Vielleicht erwarten Sie jetzt, dass Martin am nächsten Morgen seinem Chef die Kündigung auf den Tisch legt und anschließend glücklich mit dem Rennrad in den Sonnenuntergang fährt.
So funktionieren Coachings meistens nicht. Martin kündigt nicht. Zumindest nicht sofort. Die realen Fragen sind weiterhin da: Einkommen, Rente, Familie, berufliche Alternativen.
Aber er schaut anders darauf.
Einige Wochen später schreibt er mir, dass er mit seiner Frau zum ersten Mal ausführlich darüber gesprochen habe, wie unzufrieden er tatsächlich sei. Außerdem habe er Kontakt zu einem früheren Kollegen aufgenommen, der vor einigen Jahren beruflich noch einmal neu angefangen hatte.
Und er habe den Satz seines Vaters aufgeschrieben:
„Such dir etwas, wo du gern hingehst.“
Vorher hatte Martin nur zwei Möglichkeiten gesehen: bleiben und leiden oder kündigen und seine Sicherheit aufs Spiel setzen.
Jetzt konnte er anfangen zu überlegen, wie ein Übergang aussehen könnte.
Warum kann ich meinen Job nicht einfach kündigen?
Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl.
Sie wissen längst, dass sich beruflich etwas ändern müsste. Sie haben wahrscheinlich schon vernünftige Argumente dafür und dagegen gesammelt, vielleicht Bücher gelesen, Podcasts gehört oder mit Freunden darüber gesprochen.
Und trotzdem passiert nichts.
Dann könnte eine andere Frage interessanter sein: Was würde für Sie persönlich auf dem Spiel stehen, wenn Sie tatsächlich etwas verändern?
Was würde es über Sie aussagen?
Wen könnten Sie enttäuschen?
Welche Vorstellung von sich selbst müssten Sie möglicherweise aufgeben?
Und wer wären Sie, wenn Sie Ihren Beruf bei einer Vorstellung einmal nicht nennen dürften?
Diese Fragen führen nicht automatisch zu einer Kündigung. Das sollen sie auch gar nicht.
Sie können aber sichtbar machen, warum eine Entscheidung, die auf dem Papier ziemlich einfach aussieht, innerlich so schwer ist.
Das erlebe ich seit vielen Jahren in meinen Coachings: Hinter einem hartnäckigen Problem steckt häufig ein Konflikt, der mit vernünftigen Argumenten allein kaum zu lösen ist.
Denn der vernünftige Teil hat die Argumente meistens längst verstanden.
Der andere Teil hat seine eigenen Gründe.
Und manchmal beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem man diese Gründe versteht.
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Wie halten Sie sich ab, eine unangenehme Situation zu verlassen?
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